Schleswig-Holsteins Natur- und Waldkindergärten sind in Gefahr!

Leider ist der letzte Kita-Reform-Gesetz Entwurf in Bezug auf die Naturkindertagesstätten verschlimmverbessert worden. Wir haben die Befürchtung, dass Wald- und Naturkindergärten, die ganztägig (7-8 Std.) arbeiten, in Zukunft keine Daseinsberechtigung mehr haben, da sie zukünftig anscheinend als normale Kitas geführt werden sollen. Das können Träger sowie auch Kommunen nur schwer bewältigen.

Nun ein kleiner, aber wichtiger Vorspann

In der Broschüre: „Die Naturkindertagesstätte – Ein Leitfaden für die Gründung und den Betrieb von Naturkindertagesstätten in Schleswig-Holstein veröffentlicht im Nov. 2018 vom Ministerium für Soziales, Gesundheit, Jugend, Familie und Senioren
https://www.schleswigholstein.de/DE/Landesregierung/VIII/Service/Broschueren/Broschueren_VIII/Kita/Naturkindertagesst%C3%A4tte.pdf?__blob=publicationFile&v=4
steht auf Seite 6:

„1.2… „Die Aufenthaltsdauer in freier Natur soll allerdings auf sechs Stunden je Tag beschränkt werden. Vor diesem Hintergrund werden künftig voraussichtlich vor allem Angebote nachgefragt werden, die ergänzend zu dem Naturaufenthalt eine Betreuung in festen Räumen bieten (siehe 1.9)“ Seite 23, … „Wenn eine über sechs Stunden regelmäßig hinausgehende Betreuung am Tag erfolgen soll, muss eine feste Unterkunft mit baulichen Standards, die einen regelmäßigen Aufenthalt von Kindern erlauben, verfügbar sein. Die einfache Naturunterkunft genügt diesen Anforderungen nicht, … Denkbar wäre auch, dass ergänzend Räume einer Regeleinrichtung oder sonstige kindgerechte Räume in öffentlichen Gebäuden genutzt werden, die am Nachmittag frei stehen (siehe 1.2).“

Im neuen Leitfaden werden für Naturgruppen zwei Bauwagenvarianten als Naturunterkünfte dargestellt. Die erste Bauwagenvariante darf nur kurzfristig, nicht regelmäßig und nur als Lager- und Umkleideraum genutzt werden. Damit ungeeignet für Ganztagsnaturgruppen. Die zweite Bauwagenvarianten (Sonderbau) ist für eine wiederkehrende, regelmäßigen Nutzung geeignet. (Leitfaden Seite 16)

Seit über 10 Jahren (also schon lange vor dem Leitfaden vom Nov. 2018) verbringen Ganztagsnaturgruppen die Mittagszeit in Räumen. Dabei handelt es sich z.B. auch um Bauwägen, (so wie die erste Variante im Leitfaden, der seit Nov. 2018 nur kurzfristig, nicht regelmäßig und nur als Lager- und Umkleideraum genutzt werden darf, welch eine Verschwendung!)  Container, Hütten, angemietete Wohnungen, Häuser oder Räume von Kirchengemeinden, Senioren- oder Jugendeinrichtungen. Bislang war alles sehr niedrigschwellig und kostengünstig. Diese Gruppen haben sich bewährt und werden von Eltern gewünscht! Dies für alle Altersgruppen von U3- bis einschließlich Hort. Siehe beigefügten Artikel, Waldkindergarten Kiel PDF

Wenn allerdings die Bauwägen von Ganztagsnaturgruppen – die vor Jahren noch keine Baugenehmigung benötigten – ersetzt werden müssen, gibt es aufgrund der Vorgaben des Leitfadens vom Nov. 2018 große Schwierigkeiten, da nur noch ein Sonderbau infrage kommt und der benötigt in den meisten Fällen einen anderen Standort u.v.a.m.

Hintergrund der Vorgaben im Leitfaden ist die Bausicherheit / Abwehr von Gefahren. Gleichwohl ist in 26 Jahren, seit der Gründung des ersten Waldkindergartens in Flensburg 1993 in Deutschland kein Baum auf einen Bauwagen gefallen, kein Kind tödlich verunglückt.

Der neue Leitfaden wurde unter der rot-grünen Landesregierung entwickelt und dann unter der neuen Regierung im Nov. 2018 veröffentlicht.

Nun zu dem letzten Kita-Reform-Gesetzentwurf und seinen Erläuterungen

Gesetzesentwurf: § 17 Geförderte Gruppen

(1) Gefördert werden

(3) Gruppen, in denen die Kinder in der freien Natur gefördert werden und eine Förderung in Innenräumen konzeptionell nicht oder nur für den Ausnahmefall vorgesehen ist (Naturgruppen)…

Erläuterung der Landesregierung zum KitaG-Entwurf § 17 (Geförderte Gruppen):

„Absatz 3 beschränkt die Förderung von Naturgruppen auf Kinder von der Vollendung des dritten Lebensjahres bis zum Schuleintritt. Naturgruppen sind solche, bei denen eine Förderung in Innenräumen konzeptionell nicht oder nur für den Ausnahmefall (z. B. bei Unwetter oder für geringfügige Zeitanteile) vorgesehen ist. Sehen Gruppen mit naturpädagogischem Ansatz konzeptionell auch eine regelmäßige Förderung in Innenräumen vor, sind sie keine Naturgruppen im Sinne des Gesetzes.“

Diese Sätze sind unklar, obwohl es sich hier um eine Erläuterung handelt, die den § 17 eigentlich verständlich machen soll:

1. „geringfügige Zeitanteile“: um welche Zeitanteile geht es?
2. „regelmäßige Förderung“: was bedeutet

  1. a) regelmäßige
  2. b) welche Förderung ist hier in Innenräumen gemeint?
  3. „Keine Naturgruppen im Sinne des Gesetzes“:

Wenn es keine Naturgruppen mehr sind, was sind sie dann, wenn sich die Gruppen überwiegend (6 Stunden) in der Natur aufhalten und ein bis zwei Stunden im Raum?

Ganztagsnaturgruppen gehen zur Mittagszeit (nach ca. vier Stunden) in ihre Räume. Dort gehen die Kinder auf die Toilette, waschen sich die Hände, nehmen eine Mahlzeit ein, ruhen sich aus, (d.h. die primären Bedürfnisse werden befriedigt und es findet eine Förderung unterschiedlicher Kompetenzen statt) um dann nach ein bis zwei Stunden gestärkt weitere ein bis zwei Stunden draußen zu verbringen.

Wenn es sich hier um geringfügige Zeitanteile und keine regelmäßige Förderung im Innenraum handelt, wäre alles klar. Nur der § 17 Absatz 3 lässt zu viele Interpretationen zu.

Höchst problematisch, da es ein faktisches Ende aller Ganztags-Naturgruppen in Schleswig-Holstein bedeutet, sind die Raumvorgaben in § 23 in Verbindung mit § 17:

Gesetzesentwurf: § 23 Räumliche Anforderungen
1. (1) (…).“Die pädagogisch nutzbare Fläche pro Kind muss mindestens 3,5 m2 in Krippengruppen, altersgemischten Gruppen und integrativen Kindergartengruppen, 3,0 m2 in Hortgruppen und 2,5 m2 in Kindergartengruppen betragen (Mindestraumbedarf)… …“ Die Vorgaben dieses Absatzes gelten nicht für Naturgruppen.“

Erläuterung der Landesregierung zum KitaG-Entwurf: § 23 (Räumliche Anforderungen)
Die Norm stellt räumliche Anforderungen an die nach diesem Gesetz geförderten Kindertageseinrichtungen. Das Landesrecht enthält bislang keine räumlichen Mindestanforderungen. Absatz 1 … Für Naturgruppen, wo die Natur als Gruppenraum fungiert, finden die Vorgaben selbstverständlich keine Anwendung (Satz 5).“

Nach § 17 sind Ganztags-Naturgruppen keine Naturgruppen mehr, obwohl die Kinder sechs Stunden am Tag draußen sind. Diese Natur-Ganztagsgruppen müssen wie jede andere Kindertageseinrichtung die Raumvorgaben nach § 23 einhalten. Ein Bauwagen in dieser Größe als Sonderbau wird weder finanzierbar sein, noch einen Standort in der Natur bzuw. naturnah finden können. Eltern werden zukünftig daher ihre Kinder nicht mehr ganztägig in Naturgruppen betreuen lassen können – und das, obwohl die gesellschaftlichen Anforderungen an Eltern eine zunehmend ganztägige Betreuung berufsbedingt erforderlich machen. § 23 und § 17 beschränken damit auch das Wunsch- und Wahlrecht der Eltern, sich für eine Natur- oder Regeleinrichtung ganztägig entscheiden zu können. Den Kindern wiederum, die mehrheitlich ganztägig (7-8 Studen) betreut werden, wird die Möglichkeit genommen, in einer Ganztags-Naturgruppe gebildet, erzogen, gefördert und betreut zu werden. D.h. in dem Moment, wo Eltern eine ganztägige Betreuung benötigen, können die Kinder nach dem neuen KitaG nur noch in Regeleinrichtungen gehen, da es – siehe oben – faktisch keine Natur-Ganztagsgruppen mehr geben wird.

Der BvNW würde es begrüßen, wenn das Gesetz auch die Besonderheit der ca. 200 NaturKitas/Gruppen in Schleswig-Holstein in vollem Umfang berücksichtigen, Klarheit schaffen und weiterhin Ganztags-Naturgruppen, Naturkrippen- und Horte zulassen würde.

Keine Kommentare möglich